Abschiedsinterview mit Florian Hindelang
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Shownotes
Florian Hindelang, Oberstufenkoordinator der DSJ, verabschiedet sich nach acht Jahren. Ein ausführliches Gespräch über seine Zeit in Johannesburg, die Arbeit mit den Schülern und was er mitnimmt.
In dieser Episode führt Anna Krisewski, Florians Nachfolgerin als Oberstufenkoordinatorin, ein persönliches Abschiedsinterview. Es geht um acht Jahre an der DSJ, die Arbeit mit den Oberstufenschülern, das Leben in Südafrika und was Florian aus Johannesburg nach Deutschland mitnimmt.
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Transkript
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Intro & Begrüßung
[00:04] Dennis Forbes: Moin moin, ihr Lieben! Dennis Forbes für den Schulcast. Wie in jedem Jahr ist es auch in diesem Jahr so, dass uns einige werte Kolleginnen und Kollegen verlassen werden. Aus diesem Grund haben wir uns überlegt, dass wir gerne noch mal ein bisschen die Zeit Revue passieren lassen wollen, die diese lieben Menschen bei uns an der Schule verbracht haben — mit ihnen teilen, was sie Tolles erlebt haben, wie sie die Schule geprägt haben und wie es für sie weitergeht.
Wir starten heute unsere Serie mit Florian Hindelang, dem Leiter der Oberstufe — oder dem Oberstufenkoordinator, so wie es offiziell heißt. Und ich freue mich total, dass Anna Krisewski, seine Nachfolgerin auf dem Posten, das Interview geführt hat. So haben wir auch gleich die Perspektive und die Stimme von Anna im Ohr, die dann im nächsten Jahr verantwortlich sein wird für die Oberstufe bei uns an der Schule.
Acht Jahre an der DSJ — ein Rückblick
[01:02] Anna Krisewski: Ja, lieber Florian — aka Herr Hindelang — ich begrüße dich ganz herzlich hier. Der Herr Forbes hat mich gebeten, mit dir ein Interview zu führen. Leider aufgrund deines Wegganges jetzt zu Ende Dezember. Du bist ja im nächsten Jahr nicht mehr bei uns. Und ja, ich wollte dich erstmal fragen: Wie waren so für dich die letzten — es waren ja dann fast acht Jahre insgesamt an der deutschen Schule. Und wie würdest du diese Zeit in wenigen Worten beschreiben?
[01:29] Florian Hindelang: Ja, liebe Anna, freut mich, dass ich Gelegenheit habe, noch ein bisschen was zu erzählen. Die acht Jahre waren unglaublich voll und ganz schwierig, überhaupt zu verstehen, dass es acht Jahre waren. Man hat so viele Erfahrungen gemacht, so viele tolle Leute kennengelernt und an der Schule gearbeitet, die finde ich schon nahe dem ist, dass ich sage: So muss Schule sein. Klar, man hat immer noch Entwicklungspotenzial, sonst wäre es auch langweilig, aber es ist schon echt eine ganz, ganz großartige Schule. Und wenn ich das möglichst kurz fassen soll — ja, ich muss sagen, die DSJ ist für mich Lebensraum. Und das muss eine Schule im Kern sein.
Erster Eindruck & Ankunft in Johannesburg
[02:12] Anna Krisewski: Wenn du mal ganz zurückdenkst — mittlerweile kennst du die Schule, sagst, es ist Lebensraum für dich und deine Familie geworden — aber was war dein erster Eindruck? Kannst du dich noch erinnern, als du angekommen bist? Ist da irgendwas bei dir hängen geblieben?
[02:27] Florian Hindelang: Vielleicht darf ich da eine kleine Anekdote erzählen. Was mir da echt am meisten hängen geblieben ist: Ich war, bevor ich hierhergekommen bin, stellvertretender Schulleiter. Und dann bin ich von Herrn Bachmeier, dem damaligen Schulleiter, herumgeführt worden ins Büro von Jan von Wake, also vom stellvertretenden Schulleiter, und der hat mich mit den Worten begrüßt: „Aha, du willst also meine Stelle haben.“
Was natürlich überhaupt nicht meine Intention war. Ich muss da immer noch schmunzeln. Jan schmunzelt auch darüber. Das war aber wirklich so praktisch am ersten Tag. Ich bin rumgelaufen, war auch ein bisschen eine Herausforderung, weil Bayern mich leider erst zum 1. Februar freigestellt hat und das Schuljahr beginnt ja natürlich schon im Januar. Und ich musste halt dann möglichst schnell funktionieren und möglichst schnell reinkommen. Und das war dann das Grundgefühl: Es ist Wahnsinn, wie hilfsbereit die Leute hier sind. Ja, und mit einer Offenheit einem begegnen und einer Verbindlichkeit — das ist ja das, was man auch außerhalb der Schule hört: „We make a plan“ — und das hilft einem unglaublich beim Ankommen.
[03:37] Anna Krisewski: Das heißt, also die Menschen — die neuen Kollegen sind ja auf jeden Fall im Gedächtnis geblieben. Gibt es vielleicht noch so ein Erlebnis, ein Ereignis, wo du sagst, das war ganz am Anfang was Besonderes, vielleicht auch was Herausforderndes, was du niemals vergessen wirst?
Ankommen als Familie
[03:56] Florian Hindelang: Ganz am Anfang — vielleicht switche ich mal aus der Rolle als Oberstufenkoordinator raus. Ich bin ja mit drei Kindern auch hierher gekommen. Und was da wirklich so hängen geblieben ist als Erlebnis: Die sind angekommen und sind sofort auf Klassenfahrten gegangen, die zwei Älteren. Und wie das funktioniert hat — ja, dass auch wenn man als Familie rausgeht, klar, man macht sich selber viele Gedanken, wie kann es funktionieren. Dass man das Gefühl hat, was ich als hier Arbeitender erlebe, als Lehrer, auch wirklich bei den Kindern so erlebt habe. Und das fand ich einfach großartig. Also das — wirklich, das bleibt mir sehr am Herzen.
Die Arbeit als Oberstufenkoordinator
[04:42] Anna Krisewski: Okay. Und in deiner Funktion als Oberstufenkoordinator — was waren da für dich vielleicht wichtige Erlebnisse, Ereignisse? Und wenn du so zurückblickst, was hat dir da am meisten Spaß gemacht bei deiner Arbeit?
[04:51] Florian Hindelang: Das Wichtigste ist natürlich, man fiebert mit seinen Schülern mit. Hier hat man sehr, sehr engen Kontakt zu den Schülern. Ich sage den Schülern auch so am Ende der 12: Die werden fast so was wie Kinder von einem selbst. Und das Wichtigste für einen selber ist, dass man die nach ihren Möglichkeiten möglichst erfolgreich durch die unglaublich anstrengende Zeit bringt. Es ist einfach eine extreme Herausforderung. Die machen eben nicht nur das deutsche Abitur, sondern gleichzeitig auch das südafrikanische Matric. Das heißt, die machen zwei Abschlüsse, und das wirklich gleichzeitig.
Das ist eine ganz große Herausforderung, und ich kann da jedes Jahr wieder nur vor den Schülern den Hut ziehen, wie sie das schaffen, mit dem Stress umzugehen. Ja, also da fiebert man mit und begleitet sie. Und das ist auch, wenn ich das sieben Jahre hintereinander erlebt habe, wirklich jedes Jahr mit jedem neuen Jahrgang das gleiche Mitfiebern und das gleiche Mitleiden. Ja, die wachsen einem ans Herz, und hat dann auch mit vielen über das Schulende hinaus Kontakt.
Aber wenn ich jetzt so Revue passieren lasse: Das ist wirklich das, was immer so am Ende des Tages hängen bleibt — dass man dann bei der Valediction ist, beim Matric Dance, und man freut sich einfach mit denen. Und vielleicht gleich noch eine Ergänzung dazu: Im Vergleich zu Deutschland hat man auch deutlich mehr Kontakt zu den Eltern — dass man die dann verabschiedet und begleitet hat. Das macht es manchmal nicht leicht, manchmal gibt es mit Eltern Diskussionen, weil sie mit irgendwas nicht so zufrieden sind. Aber am Ende des Tages funktioniert es.
Und das ist schon — als Oberstufenkoordinator hat man eine exponierte Rolle, man hat viel, viel Verantwortung. Ich mag behaupten: mehr Verantwortung als vergleichbar in Deutschland in der Position. Aber dafür kommt so unglaublich viel zurück. Manchmal mag ich meinen, als Lehrer in Deutschland hat man das Gefühl, mal so ein bisschen einsam zu sein, oder man würde gern was bewegen, aber da macht sich auf der anderen Seite niemand auf. Und das ist hier ganz anders. Das ist schon was, was ich da mitnehmen würde als Oberstufenkoordinator. Also für mich, Anna — ich habe es ja schon paarmal gesagt — für mich der beste Job der Schule, weil man viel mit den Kids zu tun hat, selber noch viel unterrichtet, die wirklich durchs Abitur bringt. Ja, das macht mir unglaublich viel Spaß.
Rat an die Nachfolgerin Anna
[07:18] Anna Krisewski: Ja, das hast du ja schon öfter betont. Deswegen muss ich sagen, ich freue mich auch schon auf die Stelle und auf die Herausforderung. Gibt es vielleicht was, was du mir mitgeben würdest für die Zukunft, aus deiner Erfahrung heraus, aus den letzten Jahren?
[07:36] Florian Hindelang: Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen — aber deswegen weiß ich, dass du die ideale Besetzung bist in meiner Nachfolge. Man muss in sich ruhen, man muss wissen, was man will. Du hast eine ganz tolle Mannschaft um dich rum. Das hast du auf Kollegenebene ja sowieso schon erlebt und auch in deinen Funktionen, die du vorher hattest. Du wirst noch enger mit Frau Döring zusammenarbeiten, aber da wirst du auch merken, das macht total Spaß, weil die dir vertraut und dich machen lässt.
Und ich glaube, so muss eigentlich Schule im 21. Jahrhundert funktionieren. Früher so komische Hierarchien und der oben, der immer dann groß Druck macht: „Du musst liefern.“ So führt man auch kein Unternehmen mehr — also idealerweise nicht mehr — sondern man gibt Verantwortung ab und vertraut sich gegenseitig, und dann kann man sich wirklich entfalten und verwirklichen. Und das kann ich dir nur mitgeben. Du hast jemanden ganz oben auch mit dem stellvertretenden Schulleiter, mit Jan von Wake — die vertrauen dir. Und dann kann man auch stressige Zeiten sehr, sehr gut überstehen, und dann macht es einem auch richtig Spaß.
Südafrika — Leichtigkeit und Lebensfreude
[08:44] Anna Krisewski: Okay, Stichwort stressige Zeiten. Südafrika — wenn wir jetzt ein bisschen aus Schule und Beruf rausgehen — ist ja auch ein besonderes Land. Gibt es da vielleicht irgendwelche Erlebnisse oder Erinnerungen aus deiner Freizeit, vielleicht Urlauben? Was ist dir von Südafrika, vielleicht auch Johannesburg, besonders im Gedächtnis geblieben? Und was nimmst du damit nach Deutschland?
[09:06] Florian Hindelang: Also ganz generell: Dieses Gefühl — die Menschen, denen es ja objektiv betrachtet schlechter geht als den Menschen in Europa, spezifisch auch in Deutschland — mit welcher Leichtigkeit die durchs Leben gehen. Das ist eigentlich fast jeden Tag aufs Neue, was mich fasziniert, beeindruckt, und ich mir auch immer denke: Wow — woher haben die diese unglaublich große positive Energie? Der Bettler an der Ampelkreuzung, der dich anlächelt, der dir winkt, der dich jetzt nicht zu irgendwas drängt. Oder der Parkwächter, der freundlich dir begegnet. Oder an der Einkaufskasse, dass man mit jedem einen ernst gemeinten Smalltalk machen kann. Dass man nicht wie in Deutschland bei Aldi das Gefühl hat, man stört, weil man den Ablauf stört — man kriegt nicht schnell genug die Sachen weg, man zahlt nicht schnell genug.
Also diese Leichtigkeit, diese Lebensfreude, die man hier jeden Tag erleben kann — und zwar wirklich in schlimmsten sozialen Umständen — das ist was, das macht mich fast schon sprachlos. Und ich habe, da meine Tochter mit Fußball wirklich in Südafrika, also in jeder Ecke unterwegs war, wirklich das erlebt, dass es nicht spezifisch ist. Man kann nicht sagen, das ist nur eine bestimmte Ecke von Johannesburg, sondern da kann ich irgendwo im Nirgendwo sein, in der Karoo sein — und die Leute sind nett.
[10:39] Anna Krisewski: Stimme ich dir tatsächlich zu. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Und man merkt tatsächlich auch einen Unterschied zu Deutschland, was die Einstellung angeht und manchmal auch das Verhalten zum Gegenüber.
Lieblingsorte in Johannesburg
[10:52] Anna Krisewski: Wenn wir noch mal bei Johannesburg bleiben — hast du irgendwie einen Lieblingsort? Ein Restaurant oder ein Park oder irgendwas, wo du sagst, das war vielleicht so ein Platz, wo du dich gerne aufgehalten hast oder mit dem du positive Erlebnisse verbindest, du allein oder mit deiner Familie?
[11:12] Florian Hindelang: Also mein Lieblingsplatz ist tatsächlich unser Haus zu Hause, kurz dahinter die DSJ. Und ansonsten, wenn ich jetzt in Johannesburg selber unterwegs bin — was mich da auch wieder am meisten beeindruckt — und wenn wir Besuch aus Deutschland hatten — jetzt hatten wir, kommt keiner mehr — was wir auch immer mit denen geteilt haben: das CBD, dass du da in ein Gebiet gehst dieser Stadt, bei dem jeder sagt: „Oh, das ist gefährlich, das ist dodgy, wie kannst du da…“ — das hat mich jedes Mal wieder gepackt. Ja, und dann kann man die Graffiti-Tour machen oder vom Ponte Tower einfach auf die Stadt runtergucken und wirklich da auch wieder die Leute erleben, wie die in einfachsten Verhältnissen doch ihr Leben bestreiten und diese Ruhe in sich ausstrahlen.
Ja, klar, es kann gefährlich sein. Zu bestimmten Zeiten würde ich manche Ecken auch nicht ansteuern. Man darf nicht naiv sein. Aber es ist nicht „Johannesburg — die City of Crime, man kann hier nicht herkommen“ und „lebensgefährlich, am besten sofort nach Kapstadt weiterfliegen“. Nein — das ist, ich glaube, die interessanteste Stadt in Südafrika.
[12:25] Anna Krisewski: Ja, und man hört ja immer die Vorurteile eigentlich aus Deutschland, die natürlich auch so in den Medien reproduziert werden. Wenn man selber hier lebt, merkt man natürlich, dass es ganz anders ist. Du hast vorhin schon gesagt, die Menschen sind besonders, sind anders. Gibt es eine Erfahrung außerhalb der Schule mit jemandem — ich weiß nicht, ein Uber-Fahrer, ein Kellner oder eine Kellnerin im Restaurant — wo du sagst, da denkst du manchmal dran zurück?
[12:58] Florian Hindelang: Ja. Das war zum Beispiel — wir waren, glaube ich, einen Monat hier, hatten uns gerade ein Auto gekauft und mussten dann zu einer Firma hin, die sollten die Scheiben bekleben. Und wie es so ist, meine Frau Kerstin hat ihre Kreditkarte dort liegen lassen, vergessen, rausgefallen — wir wissen es bis heute nicht. Die haben uns angerufen und gesagt: „Da liegt die Kreditkarte, kann man die abholen?“
Also das, was man aus Deutschland kommend — du hast so schön geschrieben, die Vorurteile: „Boah, lebensgefährlich, wie kann man nur!“ — das haben wir so nie erlebt, sondern genau das Gegenteil. Und jetzt vor kurzem auch wieder: Kerstin hat ihre Trinkflasche beim Sportmachen stehen lassen, wirklich auf dem öffentlich zugänglichen Padelplatz. Eine teure Flasche, die stand da — hat niemand geklaut. Also das ist halt Wirklichkeit. Hier leben und das, was man über eine Stadt hört oder was Statistiken auch hergeben mögen — natürlich gibt es hier eine hohe Kriminalitätsrate. Aber das ist im Regelfall innerhalb der Townships, innerhalb von sozialen Gruppen. Aber dass du jetzt als Lehrer der deutschen Schule jeden Tag um dein Leben fürchten müsstest, ist einfach Quatsch.
Was Florian in Deutschland vermisst hat
[14:19] Anna Krisewski: Und dennoch sind ja Deutschland und Südafrika in vieler Hinsicht sehr unterschiedliche Länder auch. Gibt es irgendwas, auf das du dich in Deutschland besonders freust? Vielleicht wo du auch sagst: Das habe ich vermisst. Irgendwas, das du schon geplant hast zu machen, wenn ihr zurückgeht?
[14:40] Florian Hindelang: Also im Alltag vermisse ich am meisten einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Auch die Möglichkeit, sich einfach aufs Fahrrad zu setzen. Ich weiß, es gibt Kollegen, die fahren mit dem Fahrrad zur Schule. Ich würde mich da nicht wohlfühlen, deswegen tue ich es auch nicht. Das ist das, was mir tatsächlich abgeht. Ich bin eigentlich schon leidenschaftlich gerne Rad gefahren in Deutschland, auch mit Rennrad. Und da freue ich mich unglaublich drauf, dass ich das wieder tun kann.
Bei mir geht es zurück ins Allgäu, schön mit Bergen und Hügeln. Da freue ich mich tatsächlich extrem drauf — wieder beim Rennrad, sobald der Sauwinter vorbei ist, das Allgäu unsicher machen. Und einfach in die Stadt zu Fuß gehen können, mit dem Bus fahren können — das sind so Alltagsdinge, die man, wenn man in Deutschland ist, da schimpft man, dass ein Bus zu spät ist. Hier erlebt man halt: Es gibt gar keinen Bus. Also zumindest nicht einen, mit dem man fahren könnte.
[16:01] Anna Krisewski: Ja, jetzt hast du natürlich auch in Südafrika tolle Reisen gemacht, Länder um Südafrika herum auf dem afrikanischen Kontinent besucht. Gibt es trotzdem in Deutschland irgendein Urlaubs- oder Reiseziel, wo du sagst: Da würden wir gern mal wieder hin?
[16:21] Florian Hindelang: In Deutschland gibt es wunderschöne Ecken, aber da geht es mir jetzt vor allem darum, ich will meine Freunde wiedersehen. Vielleicht darf ich es ein bisschen erweitern: Worauf ich mich auf jeden Fall freuen werde, ist Urlaub in der Bretagne. Das ist auch so ein Sehnsuchtsort von mir. Das kann man so ein bisschen vergleichen, glaube ich, hier mit der Karoo, weil das ist für mich hier der Sehnsuchtsort in Südafrika.
Erinnerungsstücke und was mit ins Gepäck kommt
[16:57] Anna Krisewski: Und du hast mir ja schon erzählt, dass du jetzt den Flug auch schon gebucht hast. Das wird irgendwie ganz schön konkret, dein Weg. Gibt es irgendwas, wo du sagst, das muss jetzt mit in mein Gepäck? Wirklich ein Erinnerungsstück oder ein Geschenk mal von Eltern, Schülern? Gibt es da irgendwie ein, zwei, drei Sachen, wo du sagst: Die nehme ich auf jeden Fall mit zurück, da hängt vielleicht auch mein Herz dran?
[17:34] Florian Hindelang: Ich habe so eine Verbindung zwischen meinem Privatleben und der Schule — und das ist der Schulbasar. Ja, weil meine Band hier dreimal gespielt hat. Und deswegen, alles was damit zusammenhängt, das will ich mitnehmen. Dieses Jahr gibt es den ja leider nicht mehr, aber die Jahre vorher — ich nehme auf jeden Fall, steht auch schon auf unserem Tisch zum Mitnehmen, paar von den schönen Plastikkrügen mit. Ja, ich nehme ein paar Poster mit und Aufkleber und so. Also, mir liegt wirklich unglaublich viel an dieser Schule hier. Und das Tolle ist, dass man sich eben auch privat so in dieser Schule verwirklichen kann. Und das ist, was ich auch mitnehme.
Wiederkommen? Ein neues Kapitel
[18:14] Anna Krisewski: Okay. Und planst du schon, uns dann mal wieder besuchen zu kommen? Oder ist sowas erstmal — man muss ja erstmal wieder neu ankommen. Du sagst ja auch, du möchtest Freunde und Familie treffen. Aber du kommst schon wieder?
[18:30] Florian Hindelang: Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn mich zur Zeit jemand fragt, sage ich: Ich glaube, ich komme nicht wieder. Ja. Die Zuhörer konnten jetzt meinen Blick gerade nicht sehen.
[18:44] Anna Krisewski: Ich habe ihn gesehen.
[18:46] Florian Hindelang: Wie erkläre ich das am besten? Also, ich hatte eine wahnsinnig schöne Zeit. Und ich bin trotzdem ein Mensch — ich muss auch sagen, ich freue mich jetzt auch unglaublich auf meine neue Aufgabe. Ich werde in einer Schule, in einem Gymnasium in Kempten, in die Schulleitung einsteigen. Ich habe gestern eine ganz liebe E-Mail gekriegt von der Schulleiterin dort. Und ich bin so ein Typ, ich muss immer was tun. Also, auch wenn ich irgendwann im Ferienhaus bin und da ist was kaputt, dann repariere ich das. Ich schaffe es ehrlich nicht, irgendwo zu sitzen.
Und deswegen — so vom Kopf her — ich werde hier bis zur letzten Minute arbeiten und alles tun und gucken, dass die Übergabe gut klappt und meine Schüler bis zur letzten Minute entsprechend begleiten. Und trotzdem freue ich mich auf das nächste Kapitel. Und das wird den Platz einnehmen.
Ich bin eben jemand, der in der Gegenwart lebt und der in die Zukunft guckt. Und es ist ja auch Wahnsinn, was die Fluktuation angeht. Wir hatten jetzt gerade Besuch von einem Kollegen, der hat mit mir hier 2018 angefangen, und der ist nach drei Jahren zurück nach Deutschland gegangen. Und der hat jetzt gemeint, er ist zum ersten Mal wieder hierher gekommen — das war jetzt die letzte Chance, weil jetzt sind zum letzten Mal noch Leute da, mit denen sie wirklich zusammengearbeitet haben, die sie noch kennengelernt haben.
Und um das jetzt rundzumachen: Eigentlich müsste ich dann innerhalb der nächsten drei Jahre kommen, und ich glaube, das ist noch zu nah. Aber in fünf Jahren kommen — also ich mag nicht der Fremdkörper im Lehrerzimmer sein, ich mag nicht durch die Schule laufen und die hat sich total verändert. Natürlich soll sie sich verändern — bitte nicht falsch verstehen, bitte nicht nicht verändern, damit ich vielleicht wiederkomme. Nein, die muss sich verändern. Schule — der Wandel ist ganz wichtig. Stagnation ist Katastrophe. Aber ich will sie glaube ich so in Erinnerung behalten, wie sie jetzt war.
Letzte Worte an die Schulgemeinschaft
[20:52] Anna Krisewski: Ja, das ist für dich ja auch ein neues Kapitel, was beginnt, eine neue Tür, die sich öffnet. Du sollst trotzdem wissen, dass wir uns natürlich freuen würden — und das spreche ich wahrscheinlich für die ganze Schulgemeinschaft — wenn du oder ihr noch mal natürlich zu Besuch kommen würdet. Deine Kinder haben ja auch Freundschaften geschlossen hier. Ja, das ist eigentlich eine ganz gute Überleitung zu meiner Abschlussfrage, denn ja, dein neues Kapitel in Deutschland beginnt dann letztlich Anfang Januar. Als letztes Schlusswort: Was möchtest du der Schulgemeinschaft, die ja jetzt vielleicht gerade zuhört, noch mit auf den Weg geben? Was willst du noch mal loswerden?
[21:46] Florian Hindelang: Also, ich finde, der Standort ist grandios. Und was die DSJ bis jetzt hervorragend schafft, ist diese Kombination aus Südafrika und Deutschland. Ich glaube, das ist so, wie eine Begegnungsschule sein muss. Weil Länder sind unterschiedlich, Menschen sind unterschiedlich, aber wie das die DSJ die ganze Zeit schafft — mit ständigen Wechseln im Lehrpersonal, in strukturellen Veränderungen — irgendwie den Kopf immer oben zu halten und zu kapieren, dass Veränderung eine Chance darstellt. Das habe ich acht Jahre lang so erlebt.
Ich glaube, aber vielleicht darf ich auch sagen: Ich wünsche es der DSJ, dass sie diesen Charakter behält, dass sie wirklich es schafft, Herausforderungen als Chancen zu verstehen und nicht irgendwie denkt, man kann Schule nur verwalten. Dann funktioniert Schule nicht. Also diese Offenheit, diese Energie, die ich hier spüre, das Interesse der Menschen an den Menschen — das muss Schule sein.
[22:52] Anna Krisewski: Okay, das war ein schönes Schlusswort. Ich glaube, ich spreche für alle, wenn ich sage: Du wirst hier sehr fehlen. Und du hast als Mensch und als Lehrer, auch als Koordinator, einen ganz, ganz großen Fußabdruck hinterlassen. Ja, es war schön, dass wir auch zusammengearbeitet haben die letzten Jahre, Flori. Danke, vielen, vielen Dank für das Gespräch.
[23:14] Florian Hindelang: Und vielleicht noch ganz kurz: Ich freue mich echt, dass du das wirst als Oberstufenkoordinatorin. Und ich wünsche dir ganz viel Spaß. Du wirst das wirklich, wirklich gut machen, da bin ich mir ganz sicher.
[23:26] Anna Krisewski: Danke schön, Florian.
Outro
[23:32] Dennis Forbes: Das war es vom Schulcast für heute — mit einem emotionalen und rückblickenden, aber auch nach vorne schauenden Interview mit Florian und Anna. Ich möchte an dieser Stelle noch mal ganz kurz aus meiner neutralen Perspektive herausrutschen.
Als ich an die Schule hier kam nach Johannesburg, war Florian einer der wichtigsten Menschen für mich, weil er mir ganz, ganz viel Orientierung geboten hat, mich wirklich auch an die Hand genommen hat und mir gezeigt hat, wie Dinge hier funktionieren, ohne dass ich das Gefühl hatte, mir wird nicht vertraut oder Verantwortung nicht übergeben. War einfach eine ganz, ganz angenehme Art und Weise, wie Florian geleitet, geführt und unterstützt hat.
Danke, danke, danke Florian — für deine unaufgeregte und super professionelle und trotzdem so warme und wertschätzende Art und Weise, mit uns allen umzugehen. Mit jedem einzelnen Angestellten, mit jedem einzelnen Schüler — mit so viel Geduld und Freude und Empathie. Und ich kann dir nur vom Schulcast-Team, aber auch aus der Tiefe meines Herzens alles, alles Gute für Deutschland wünschen und für alles, was noch kommt. Und ich hoffe, wir sehen uns noch einmal wieder.
Okay, Exkurs Ende. Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Anhören. Wir freuen uns auf die nächste Episode, wenn ihr wieder einschaltet. Bis dahin — das war es vom Schulcast.